Tag des guten Lebens: Autofrei und Spaß dabei

Aus dem Artikel "Tür an Tür" der Zeitschrift Schrot & Korn
von Sylvia Meise

Tag des guten Lebens

Tatsächlich gibt es vor allem in Großstädten spannende Projekte, die über den Tausch von Zitronen hinausreichen. Ein Beispiel ist der „Tag des Guten Lebens“: Die Idee dazu hatte der in Köln lebende, italienische Soziologe Davide Brocchi. Seit 2012 sind an diesem Tag alle Menschen des Viertels Köln-Ehrenfeld eingeladen, ihre Vision eines guten Lebens umzusetzen. Die einzige Vorgabe: Es darf nichts gekauft oder verkauft werden. Das Projektteam organisiert hierfür jedes Jahr 3000 alternative Parkplätze. Sobald die Autos aus dem Viertel sind, übernehmen die Menschen den öffentlichen Raum. Die meisten räumen Tische, Stühle, Sofas auf die Straße und laden zum Essen und Trinken unter freiem Himmel ein.

Den Nebeneffekt dieser Aktion beschreibt Davide Brocchi in einem Vortrag so: „Die Bürger erleben, wie viel Fläche für Autos verschwendet wird. Jedes Auto bleibt im Schnitt 23 Stunden pro Tag auf einem Parkplatz.“ Der „Tag des guten Lebens“ ist mittlerweile zu einer Institution geworden. Seit 2012 nutzen die Ehrenfelder einmal im Jahr sehr kreativ ihren autofreien Nachbarschaftssonntag.

Gemeinsame Aktionen wie diese, die die Lebensqualität eines Viertels und seiner Bewohner anheben, bezeichnen Soziologen als „Commoning“ – und die entsprechenden, selbstorganisierten Strukturen als „Commons“. Der Ansatz ist offenbar so schön, dass er weltweit Anhänger hat. Silke Helfrich und David Bollier schreiben ausführlich darüber in ihrem Buch „Frei, fair, lebendig – die Macht der Commons“. Eines ihrer Beispiele ist der private Pflegedienst Buurtzorg (gesprochen: „Bürtsorg“) aus den Niederlanden.Neues Deutschland, 27.04.2019

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Tag des guten Lebens: Autofrei und Spaß dabei
In drei Berliner Kiezen soll eine Utopie geprobt werden

Von Jérôme Lombard
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Man stelle sich vor: Straßen, auf denen keine Autos fahren oder parken und die stattdessen von Anwohnern in Beschlag genommen werden, um auf dem Asphalt miteinander zu quatschen, zu essen und zu tanzen. Was wie eine Utopie klingt, soll in Berlin schon bald Realität werden. Der Sozialwissenschaftler Davide Brocchi hat sich vorgenommen, den »Tag des guten Lebens« in die Hauptstadt zu bringen. »Beim ›Tag des guten Lebens‹ geht es darum, den eigenen Kiez aus einer komplett anderen Perspektive zu erleben und in einen Freiraum umzuwandeln«, sagt Brocchi.

Seit 2013 organisiert der gebürtige Italiener den »Tag des guten Lebens« in Köln. Dort findet er seither jährlich an einem Sonntag statt. Die Idee dahinter: Statt Nobelkarossen und Lastwagen übernehmen die Anwohner ihren Kiez für einen Tag in Eigenregie und machen auf den Straßen das, was ihnen Spaß macht. Einzige Voraussetzung dabei ist, dass an dem Tag nichts verkauft oder gekauft wird. Alles - ganz gleich ob Lebensmittel oder Dienstleistungen - soll ausschließlich getauscht, verschenkt und geteilt werden. »Die Bürger sollen von passiven Konsumenten zu aktiven Mitgestaltern werden«, sagt Brocchi. »Der ›Tag des guten Lebens‹ ist eigentlich ein Katalysator, um nachbarschaftliche und demokratische Strukturen in der Stadt zu stärken, die über den Tag hinaus bestehen bleiben«, sagt der Sozialwissenschaftler.

Der Projekttag sei ein politisches Statement für mehr direkte Demokratie, sozialen Zusammenhalt und Nachhaltigkeit. »Wir wollen zeigen, wie eine Stadtentwicklung von unten ganz konkret aussehen kann.« Das Projekt sei in Köln auch deswegen ein so großer Erfolg, weil Anwohnerinitiativen und Bezirkspolitik über die Jahre Hand in Hand eng zusammengearbeitet haben. Denn natürlich erfordert ein autofreier Sonntag eine Menge bürokratischer Organisation. Schilder müssen aufgestellt werden, die Autofahrer darauf hinweisen, dass der Bereich für den Tag gesperrt ist. Auch Ersatzparkmöglichkeiten müssen bereitet werden, wie etwa in an Sonntagen ohnehin ungenutzten Parkhäusern oder vor Supermärkten. »Der ›Tag des guten Lebens‹ hat nicht das Ziel, Autofahrer zu ärgern, sondern schafft einen breiten Raum für zukunftsfähige Alternativen, die von den Menschen gemeinsam entwickelt und erlebt werden können«, so Brocchi.

In Berlin soll der »Tag des guten Lebens« erstmals in rund einem Jahr am 17. Mai 2020 stattfinden. Die Planungen dafür laufen bereits auf Hochtouren. Anders als in Köln soll der Tag nicht nur in einem Stadtquartier, sondern gleich in drei Kiezen parallel stattfinden. »Aufgrund der Größe der Stadt braucht es in Berlin eine andere kritische Masse, um die ganze Stadt zu bewegen«, erklärt der Sozialwissenschaftler. Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Kieze für den Auftakt in Berlin war eine gewisse Heterogenität der Anwohnerschaft. Durch Gespräche mit Stadtteilinitiativen und den zuständigen Bezirksämtern fiel die Entscheidung auf den Brüsseler Kiez in Wedding, den Körnerkiez in Neukölln sowie den Kaskelkiez in Lichtenberg.

In allen drei Quartieren haben sich im vergangenen Jahr Bürgerinitiativen gegründet, die sich um die Ausgestaltung des Prozesses in ihrer Nachbarschaft kümmern. Regelmäßig werden die Bewohner in den Kiezen zu Nachbarschaftstreffen eingeladen. Gemeinsam mit 44 Organisationen, die die Initiative unterstützen, haben sich die drei Kieze im Februar zu dem Bündnis »Gutes Leben Berlin - Bündnis der Kieze« zusammengeschlossen. Das soll den »Tag des guten Lebens« in der Hauptstadt in den kommenden Jahren tragen. »Jeder ›Tag des guten Lebens‹ hat einen Themenschwerpunkt und dient einer stadtübergreifenden Kampagne zu einem wichtigen Belang der Bürger in Berlin«, sagt Brocchi. Inzwischen haben die Bezirksverordnetenversammlungen von Lichtenberg, Mitte und Neukölln mit großer Mehrheit die Unterstützung des »Tags des guten Lebens« beschlossen. Über eine Gesamtfinanzierung des Vorhabens wird auf Landesebene derzeit debattiert.

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Aus dem Tagesspiegel am 20.05.2019 von Paul Lufter

- NACHBARSCHAFT -

Der „Tag des guten Lebens“ nimmt Fahrt auf. Bereits im vergangenen Jahr hatte ich Ihnen hier im Newsletter den Sozialwissenschaftler Davide Brocchi und sein Konzept vom „Tag des guten Lebens“ vorgestellt. Um die Erinnerungen noch einmal kurz aufzufrischen: Am Tag des guten Lebens sollen die Anwohner*innen ihren Kiez selbst gestalten dürfen. Vier einfache Grundregeln stecken dafür den Rahmen. Es darf nichts gekauft oder verkauft werden, sondern nur geteilt und geschenkt. Die Autos bleiben stehen bzw. werden umgeparkt, damit echte Freiräume entstehen können. Das Tagesprogramm wird gemeinschaftlich und demokratisch unter den Nachbar*innen abgestimmt und die Umsetzung erfolgt in geteilter Selbstverantwortung.

In drei Kiezen soll der Tag im Jahr 2020 stattfinden. Mit dabei ist neben dem Körnerkiez in Neukölln und dem Brüsseler Kiez in Wedding auch der Kaskelkiez in Lichtenberg. Am 27. Februar hat sich im Haus der Demokratie das Bündnis „Gutes Leben Berlin – Bündnis der Kieze“ gegründet. An dem Treffen nahmen Bürger*innen und Vertreter*innen verschiedenster Initiativen und Organisationen aus ganz Berlin teil. Trägerverein des neuen Bündnisses ist der Verein Berlin 21 e. V..

Der ursprüngliche Termin für den Tag wurde verschoben. Weil im Mai 2020 der Ramadan stattfindet, hat man sich auf einen neuen Termin am 7. Juni 2020 geeinigt. Im Kaskelkiez läuft die Arbeit am Tag des guten Lebens inzwischen zum großen Teil in Themen- und Arbeitsgruppen, zum Beispiel zu Mobilität, Ernährung oder Kultur. Die besonders aktive Mobilitätsgruppe hat bereits Verkehrspläne für den Tag ausgearbeitet. Im Moment gibt es außerdem Gespräche in allen Kiezen über eine mögliche Teilnahme am Park(ing) Day im September 2019.

Auch in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) wurde das Thema zur Kenntnis genommen. In einer Vorlage zur Kenntnisnahme heißt es: „Das Bezirksamt Lichtenberg unterstützt die Idee des ‚Tag des guten Lebens‘ und dessen erstmalige Umsetzung in drei Berliner Bezirken, darunter auch Lichtenberg.“ Es würden außerdem Gespräche und Bemühungen hinsichtlich einer zentralen Finanzierung laufen. Wenn Sie sich einbringen möchten oder einfach nur Interesse haben, mal bei einem Treffen dabei zu sein, können Sie sich per E-Mail an guteslebenberlin@posteo.de oder stockmar@berlin21.net wenden.