Im InfraLab Berlin diskutierten Fachexpert:innen aus Zukunftsforschung, Geschichte, Soziologie und der Unternehmenspraxis über Dringlichkeit, Governance und Narrative einer resilienten Stadtentwicklung.
Die Bewältigung der Klimawandelfolgen ist längst keine zukunftszugewandte Option mehr, sondern das zentrale organisierende Prinzip für eine zukunftsfähige Transformation moderner Metropolen, damit diese entwicklungsfähig bleiben. Wenn Hitzeperioden den Asphalt aufheizen, das Grundwasser sinkt und gealterte Infrastrukturen an ihre Belastungsgrenzen stoßen, gerät das Fundament der städtischen Daseinsvorsorge unter Druck. Im InfraLab Berlin diskutierten Fachexpert:innen aus Zukunftsforschung, Geschichte, Soziologie und der Unternehmenspraxis über die Dringlichkeit, Governance und über Narrative einer resilienten Stadtentwicklung.
Die Anatomie der Polykrise: Wenn Belastungen kumulieren
Klimawandel, marode Versorgungsnetze, gesellschaftliche Polarisierung und hybride Bedrohungen – Städte agieren nicht mehr im Kontext isolierter Probleme, sondern innerhalb einer vielschichtigen Polykrise. In der Hauptstadt zeigt sich dies mit besonderer Schärfe: Berlin deckt seinen Trinkwasserbedarf nahezu vollständig aus dem Grundwasser. Durch den Kohleausstieg in der Lausitz und das Versickern von Spree-Zuläufen in den dortigen Flutungsseen droht dem Grundwasserspiegel künftig ein historischer Tiefstand. Anpassung dringend geboten!
Zugleich offenbart die Sommerhitze eine ausgeprägte soziale Dimension. Daten des Umweltgerechtigkeitsatlas belegen seit Jahren, dass sozial benachteiligte, dicht versiegelte Quartiere mit geringem Grünflächenanteil extrem unter thermischer Belastung leiden. Resilienz und Klimaanpassung dürfen daher keine rein technologischen Projekte sein; sie sind eine Frage gesellschaftlicher Gerechtigkeit.
Usable Pasts: Was die Geschichte über Krisenfestigkeit lehrt
Gegen die Wahrnehmung, die heutige Situation sei historisch beispiellos, setzt die Infrastrukturgeschichte auf den Begriff der Usable Pasts – das Nutzbarmachen historischer Lernerfahrungen. Berlin war in den letzten 100 Jahren wiederholt gezwungen, als Reallabor für Resilienz zu agieren. Drei Prinzipien stechen dabei hervor:
Die gestaltende Verwaltung: Bei der Gründung von Groß-Berlin 1920 agierte der Magistrat nicht als bürokratischer Vollzugsapparat, sondern steuerte die kommunalen Versorgungsbetriebe (Gas, Wasser, Strom) aktiv als primäre Instrumente zur Durchsetzung sozial- und stadtentwicklungspolitischer Ziele.
Strategische Redundanz: Ein lehrreiches Beispiel für dezentrale Krisenfestigkeit bieten die über 2.000 Berliner Straßenbrunnen („Kiezpumpen“). Weil sie nie vollständig zurückgebaut wurden, dienen sie den Wasserbetrieben bis heute als strom- und leitungsunabhängige Not-Infrastruktur im Havariefall („doppelt off-grid“).
Zivilgesellschaft als Taktgeber: Ob die Anti-Kraftwerks-Proteste der 1970er-Jahre oder der aktuelle „Baumentscheid“ – wesentliche ökologische Transformationsimpulse gingen historisch fast nie von der Verwaltung aus, sondern wurden von Bürgerinnen, Bürgern und der Wissenschaft erstritten.
Governance-Blockaden: Wenn Theorie auf den Straßenraum trifft
Dass fortschrittliche Gesetze in der Praxis ins Stocken geraten, zeigt das Berliner Klimaanpassungsgesetz. Die Vorgabe, alle 15 Meter Straßenbäume zu pflanzen, trifft im Untergrund auf ein dichtes Geflecht jahrzehntelang gewachsener Versorgungsleitungen. Es fehlt an integrierter Tiefbauplanung und zeitlicher Abstimmung zwischen den Akteuren.
Erschwert wird die Umsetzung durch das seit 1920 ungelöste Spannungsfeld zwischen der Senatsebene und den zwölf Bezirken. Zersplitterte Zuständigkeiten, personelle Engpässe und ein eklatantes Besoldungsgefälle zulasten der Bezirksämter lähmen die Handlungsfähigkeit. Als struktureller Ausweg wird die Bündelung von Transformationsressourcen gefordert – etwa durch ein zentrales Landesamt für Transformation oder ein spezialisiertes Senatsressort für Klimaanpassung. Zudem muss die anstehende Pensionierungswelle in den Ämtern genutzt werden, um den Wechsel von einer Bedenkenträger-Logik hin zu einer fehlerfreundlichen Gestaltungskultur zu vollziehen.
Transformation der Wirtschaft: Gigantischer Investitionsbedarf
Wie sich etablierte Daseinsvorsorger neu erfinden, veranschaulicht der Umbau der GASAG. Das 179 Jahre alte Unternehmen investiert in den kommenden zehn Jahren rund eine Milliarde Euro, um sein fossiles Geschäftsmodell bis spätestens 2045 vollständig auf erneuerbare Energien und grüne Gase umzustellen. Dieser Wandel erfordert nicht nur Kapital, sondern ausgeprägte soziale Wertschätzung für die Beschäftigten, deren Arbeit im fossilen Bestand das Geld für die Zukunftsfähigkeit überhaupt erst erwirtschaftet.
Auf der Ebene der Bürgerinnen und Bürger offenbart sich die Transformation oft im Kleinen: In Wohnungseigentümergemeinschaften und Kiezen blockieren Orientierungslosigkeit und Eigeninteressen häufig den Umstieg auf nachhaltige Wärme. Hier braucht es verlässliche, zentrale Anlaufstellen wie die Berliner Fernwärmeagentur, um den Pfad von der Grundsatzdebatte in die praktische Umsetzung zu ebnen.
Digitalisierung zwischen Effizienzgewinn und Verwundbarkeit
Digitale Instrumente wie der „Digitale Zwilling“, Open-Data-Plattformen und KI-gestützte Sensorik bieten enormes Potenzial: Sie ermöglichen Frühwarnsysteme für Extremwetter, vereinfachen die Allokation von Ressourcen und senken die Hürden für Bürgerbeteiligung.
Doch die Kehrseite ist eine neuartige geopolitische und technische Verwundbarkeit. Die Bündelung kritischer Infrastrukturdaten an zentralen Knotenpunkten erzeugt attraktive Angriffsflächen für Cyberattacken und Sabotage. Eine digitale Governance im urbanen Raum setzt daher zwingend eine europäische Daten-Souveränität und höchste Priorität für Cybersecurity voraus.
Das Klimabauhaus: Verheißungsvolle Zukunftsbilder statt Apokalyptik
Transformation gelingt nicht durch reine Zahlenketten oder apokalyptische Drohszenarien, sondern erfordert verheißungsvolle Narrative. Ein tragfähiges Rahmenmodell bietet die Idee des „Klimabauhauses“ (in Anlehnung an das Neue Europäische Bauhaus): Die Verbindung von Bauwende, Forstwende und CO₂-Senken. Durch modularen Holzbau und naturbasierte Materialien wird CO₂ gebunden, das Mikroklima gekühlt und zeitgleich bezahlbarer Wohnraum geschaffen.
Wenn es gelingt, den Zukunftsoptimismus des 19. Jahrhunderts mit moderner Beteiligung und einer gerechten Verteilungspolitik zur Investitionsfinanzierung zu verknüpfen, kann Berlin als Reallabor richtungsweisend für ganz Europa werden.
Auf dem Podium diskutierten:
- Prof. Dr. Stephan Rammler – Sozialwissenschaftler, Ökonom und Zukunftsforscher; freier Wissenschaftler und Autor
- Hon.-Prof. Dr. Timothy Moss – Senior Researcher, Leibniz Universität Hannover,
IRI THESys / Humboldt-Universität zu Berlin - Dr. Juliane Haus – Soziologin und Transformationsforscherin, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung / WZB
- Michael Knoll – Leitung Urbane Transformation & Stakeholdermanagement, GASAG
Moderation: Tanja Samrotzki
Bildnachweis für Abbildungen in der Bildergalerie: Sebastian Stragies
Mit freundlicher Unterstützung GASAG GRUPPE

